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FaszinationPflanze

17. Mai 2015 am Botanischen Institut der LMU

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FORPLANTA wird gefördert durch das

Wissensformen, Nutzungsperspektiven und Landwirtschaftsideale bei der Entwicklung stresstoleranter Pflanzen

Modulverantwortlicher:

Prof. Bernhard Gill

Während die Naturwissenschaftler mit Hilfe moderner Technologien wie der Gen- und Genomforschung herausfinden möchten, wie Kulturpflanzen an veränderte Klimabedingungen angepasst werden können, greifen die Sozialwissenschaftler parallel dazu Fragen nach der Organisation dieses Forschungsprozesses auf: Unter welchen Bedingungen wird das neue Wissen erzeugt, wie kann es später in die Praxis transferiert werden? Wie muss der Innovationsprozess organisiert werden, damit er in seinen Zielsetzungen, Methoden und Folgen nicht mit den Interessen anderer Akteure wie Züchter, Bauern oder Entwicklungsberater kollidiert? D.h., welche Probleme können mit diesem neuen Forschungsgebiet (voraussichtlich) gelöst werden und wie werden verschiedene Akteure auf solche „Problemlösungsangebote“ wohl reagieren? Und schließlich: Welche Wertbezüge, Welt- und Naturbilder liegen den unterschiedlichen Nutzungsvisionen bei der Entwicklung bzw. dem Einsatz stresstoleranter Pflanzen zugrunde? Die Ziele von Modul VI sind die folgenden:
1) die Forschung im Frühstadium zu beobachten und die sich hier anbahnenden Innovationsregime (d.h. Vernetzungen zwischen akademischer Forschung, Industrie und staatlich-administrativen Einrichtungen) aufzuzeigen,
2) Untersuchung der FORPLANTA angeschlossenen Labors in sich neu formierenden übergeordneten Innovationsregimen; Ziele sind eine multiperspektivische Nutzenabschätzung sowie eine Analyse: einerseits des Zusammenspiels der Life-Science-Industries mit privaten Züchtungsbetrieben und öffentlichen Züchtungsinstituten, andererseits der Einpassung der sich herausbildenden Innovationsregime in landwirtschaftliche Strukturen. Bei letzteren unterschieden wir zwischen kleinbäuerlichen Subsistenzweisen, agro-industriellen Settings sowie multifunktionaler Landwirtschaft als neuer EU-Strategie zur Pflege des ländlichen Raums.
3) die Nutzenerwägungen mit den überwölbenden Naturvorstellungen, Landwirtschaftsidealen sowie Leitbildern zur Erhaltung und Entwicklung des ländlichen Raumes in Beziehung zu setzen.

Arbeitspakete
Arbeitspaket I: Wissensformen und Innovationsregime des Forschungsverbunds zu multifaktorieller Stresstoleranz
Auf der empirischen Ebene werden durch Leitfadengespräche und Workshops mit Forschern die Wissensformen und die sich formierenden Innovationsregime gewissermaßen in statu nascendi untersucht. Wir vermuten, dass es sich dabei um "forschungsbasierte Innovation Communities" (Gerybadze 2003) handelt. D.h., Innovationsimpulse kommen gleichermaßen aus führenden Forschungslabors von Universitäten, Unternehmen und öffentlichen Forschungseinrichtungen – mit dem Ziel, die von ihnen favorisierten Innovationskonzepte in entsprechenden Gruppen aus Wirtschaft und Forschung voranzutreiben. Solche Innovation Communities scheinen besonders dann sehr leistungsfähig, wenn sich Vertrauen einstellt: Ihr besonderer Wert liegt auch darin, dass sie gerade in den frühen Phasen von Innovationsprozessen Orientierung liefern und helfen, ein gemeinsames Problemverständnis zu entwickeln – genau wie dies bei dem neuen Forschungsgebiet stressresistente Pflanzen der Fall sein dürfte.

Arbeitspaket II: Sozio-ökonomische Nutzenabschätzung mit Blick insbesondere auf die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Europa
Für die Einbindung in kleinbäuerliche Strukturen der Subsistenz wird es vor allem darauf ankommen, inwieweit die Stresstoleranzen in lokal angepasste und den Bauern in ihren sonstigen Eigenschaften bereits bekannte und kulturell akzeptierte Kulturpflanzen eingezüchtet werden, inwieweit die lokalen Beratungsstrukturen in der Lage sind, einen für Zielgruppen adäquaten Wissenstransfer zu leisten und Vertrauen in die neuen Sorten herzustellen, welche ökonomischen Kosten- und Risikobarrieren entstehen, und ob dann unter diesen Praxisbedingungen tatsächlich ein höherer Flächenertrag und eine höhere Ertragssicherheit resultieren.
Demgegenüber dürfte es bei der multifunktionalen Landwirtschaft, wie sie offiziell von der EU propagiert und wie sie in den meisten Teilen Bayerns faktisch schon praktiziert wird, vor allem darauf ankommen, inwieweit die multifaktorielle Stresstoleranz sowie ihre züchterische, cisgene oder transgene Entstehung mit Kriterien der Nahrungsmittelqualität, dem Erhalt von Kulturlandschaften und ländlichen Sozialräumen sowie der kulturell-symbolischen Imaginierung von Landschaft, Landleben und Lebensmitteln als "Natur" kompatibel ist.
Die empirische Übersetzung der in diesem Arbeitspaket aufgeworfenen Fragen nach Kosten-Nutzenabschätzungen geschieht zum einen über Leitfadeninterviews mit Akteuren aus dem Anwenderkontext (betroffene Landwirte, Berater, Züchter, Industrie, professionelle Beobachter). Zum anderen werden in einem Workshop gemeinsam mit am FORPLANTA-Verbund beteiligten Wissenschaftlern und Stakeholdern Szenarien über die weitere Entwicklung stressresistenter Pflanzen entwickelt: Unter welchen Bedingungen können sie in welchen Settings erfolgreich implementiert werden? Wie müssen Innovationsnetzwerke operieren, um möglichst frühzeitig auch die Erfordernisse des Anwendungskontextes zu berücksichtigen? Welche "windows of opportunity" hat die Erzeugung stressresistenter Kulturpflanzen: Wann ist frühestens mit einer Markteinführung zu rechnen – welche Problemkonstellationen erscheinen dann besonders drängend bzw. wo liegen vielversprechende Marktchancen? Im Rahmen dieses Szenario-Workshops sollen die Teilnehmer Schlüsselfaktoren für diese Fragestellungen erarbeiten und Zukunftskorridore konstruieren.

Arbeitspaket III: Sozio-kulturelle Landwirtschaftideale und Leitbilder zur Erhaltung und Entwicklung ländlicher Räume
Die in den Arbeitspaketen I und II geführten Interviews werden auch dazu genutzt, die jeweiligen Welt- und Naturbilder mit zu erfragen, in die die Wissenskulturen, Innovationsregime und landwirtschaftlichen Anwendungsbezüge eingebettet sind. Darüber hinaus werden im Rahmen von Dokumenten- und Literaturanalysen die sozio-kulturellen Landwirtschaftsideale und Leitbilder zur Erhaltung und Entwicklung ländlicher Räume analysiert, die in den jeweiligen agrarpolitischen Öffentlichkeiten –insbesondere in den USA und Europa – vorherrschend sind. Da sich ähnlich gelagerte Untersuchungen im Modul V (Kummer/Dürnberger) dort auf Bayern beziehen, ergeben sich sinnvolle wechselseitige Ergänzungen im Sinne von Horizonterweiterung und Präzisierung. Modul VI (Gill/Schneider) wird dabei an die selbst entwickelte Typologie von Naturvorstellungen anknüpfen (Gill 2003) und diese im neuen, hier skizzierten Kontext weiter entwickeln.